Fakten
Erbaut: 1912
Fertiggestellt: 1917
Leerstand seit: 1990
Bezeichnungen: Wanderer-Werke vorm. Winklhofer & Jaenicke A.-G., Wanderer-Werke AG, VEB Büromaschinenwerk Chemnitz (später Karl-Marx-Stadt), VEB Industriewerke Karl-Marx-Stadt, im Volksmund Conti-Bau
Geschichte
Gründung und Aufstieg
Im Februar 1895 gründeten Johann Baptist Winklhofer und Richard Adolph Jaenicke in der Chemnitzer Poststraße 38/39 (später Hausnummer 75) das „Winklhofer & Jaenicke – Chemnitzer Velociped-Depot“. Bereits zwei Jahre später zogen sie in größere Fabrikräume in der Hartmannstraße und nannten sich fortan „Chemnitzer Velociped-Fabrik Winklhofer & Jaenicke“. Bereits fünf Jahre nach der Gründung eröffnete man mit dem Werkzeugmaschinenbau eine zweite Sparte.
Die Geschichte des hier vorgestellten Objekts beginnt im Jahr 1894. Damals kaufte man das Gelände in Schönau und begann sogleich mit der Errichtung der ersten Fabrikgebäude. Ein Jahr später bezog man bereits die ersten Räume. 1896 wandelte man die Firma schließlich in eine Aktiengesellschaft um und nahm dabei den Markennamen der eigenen Fahrräder in die Firmenbezeichnung mit auf. Von nun an hieß die Unternehmung „Wanderer Fahrradwerke vorm. Winklhofer & Jaenicke A.-G.“. In den Folgejahren expandierte man weiter. 1898 kamen Fräsmaschinen hinzu, 1902 wurden die ersten Motorräder gebaut und ein Jahr später ging die erste Continental-Schreibmaschine in Serie. 1905 stellte man den ersten Prototypen für ein Automobil fertig. Drei Jähre später erfolgte eine erneute Umfirmierung in „Wanderer-Werke vorm. Winklhofer & Jaenicke A.-G.“, da man inzwischen mit weit mehr als nur den Bau von Fahrrädern beschäftigt war.
Errichtung Conti-Bau
1912 begann man in Chemnitz-Schönau schließlich mit dem Bau des imposanten fünfstöckigen Gebäudekomplexes, der im Volksmund auch Conti-Bau genannt wird, da man hier die Continental-Schreibmaschinen produzierte. Der bedeutsame Stahlbetonbau wurde von Architekt Erich Basark entworfen und aufgrund des Ersten Weltkrieges „erst“ 1917 fertiggestellt. Ungeachtet der Bauarbeiten expandierte das Unternehmen weiter. 1913 ging der erste Kleinwagen in Serie. Drei Jahre später lieferte man die ersten Addier- und Subtrahiermaschinen aus. Im Jahr der Fertigstellung 1917 kaufte man sogleich ein weiteres Gelände in Chemnitz-Siegmar an der Jagdschänkenstraße hinzu. Dort sollte neun Jahre später ein neues Werk für Fräsmaschinen und PKW entstehen. Unterdessen erweiterte man das Fabrikgelände in Schönau 1921 noch um 240.000 Quadratmeter an neuen Werkhallen.
Turbulente Zeiten
Die Automobil-Sparte wurde 1932 schließlich aufgrund der weltweiten Wirtschaftskrise mit den Zwickauer Horch- und Audi-Werken sowie dem Zschopauer DKW-Werk zur Auto-Union zusammengeschlossen und somit aus dem Unternehmen ausgegliedert. Die Auto-Union war wiederum ab Mitte der 1930er in der Chemnitzer Scheffelstraße beheimatet. Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelte man in den Westen über und gründete das Unternehmen als Audi in Ingolstadt neu. Aus dem Hauptsitz in Chemnitz wurde das Bezirkskrankenhaus am Stadtpark.
Auf dem Gelände in Schönau kam 1937 noch ein von Wilhelm Kreis entworfenes Werk für Addiermaschinen hinzu. Ein Jahr danach strich man die Namen der Gründer aus der Firmenbezeichnung und trat fortan nur noch als „Wanderer-Werke AG“ auf. Doch dies hatte nicht lange bestand. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Unternehmen enteignet und das Fräsmaschinenwerk komplett demontiert und in die Sowjetunion verfrachtet. 1948 ging es in München für Wanderer weiter, während die Werke in Ostdeutschland in volkseigene Betriebe aufgingen. Es entstanden der „VEB Wanderer Fräsmaschinenwerk Siegmar-Schönau“ (später Chemnitz) und der „VEB Büromaschinenwerk Wanderer-Continental“. Das Fräsmaschinenwerk in Siegmar benannte man schon 1951 in „VEB Fritz-Heckert-Werk, Chemnitz“ um und zwei Jahre später durch die Umbenennung der Stadt in „VEB Fritz-Heckert-Werk, Karl-Marx-Stadt“.
1953 legte man die Werke in Schönau mit den Astra-Werken zum „VEB Büromaschinenwerk Chemnitz“ zusammen. Schon ein Jahr später war dieser Versuch Geschichte. Nach der Trennung von den Astra-Werken firmierte man nun unter „VEB Büromaschinenwerk Karl-Marx-Stadt“. Im gleichen Jahr erschien zudem die letzte Ausführung der Continental-Schreibmaschine. Ein weiteres Jahr später war schon wieder alles anders. Die Büromaschinenfertigung wurde eingestampft und nach Erfurt verlagert. Stattdessen gründete man den „VEB Industriewerke Karl-Marx-Stadt“ dessen Hauptaugenmerk auf der Fertigung von Flugzeugmotoren, Hydraulik-Bauteilen und Hydraulik-Steuerungen lag.
Niedergang
Die restliche Zeit in der DDR verlief weniger ereignisreich. Erst die Wende brachte wieder einschneidende Umwälzungen, jedoch keine guten. 1990 wurde die Firma liquidiert, der Conti-Bau und das Addiermaschinenwerk waren daraufhin ohne Nutzen. In der Nähe baute man 2003 das neue Messegelände mit der Chemnitz Arena. Dort findet man am Eingang noch vier größere viereckige Türme (zwei freistehend, zwei integriert im Eingangsportal). Hierbei handelt es sich um ehemalige Prüftürme für Flugzeugmotoren, die man 1959 aus Lärmschutzgründen errichtete.
Ausblick
2010 ging auch die nach dem Zweiten Weltkrieg in München gegründete Unternehmung in die Insolvenz. Seitdem werden lediglich die Namensrechte an der „Wanderer“-Marke weitergereicht. Der Firmenkomplex in Chemnitz-Schönau wurde nach der Wende von der Treuhand an die TLG Wanderer verkauft. Diese reichte 2011 das Objekt an einen unbekannten Investor weiter. Seitdem hat sich wenig getan außer weitere Eigentümerwechsel, die den historischen Bau als Spekulationsobjekt missbrauchen. Der aktuelle Eigentümer ist die Firma Falstaf aus Berlin. Diese musste 2019 von der Stadt zu Dachsicherungsarbeiten gezwungen werden, da man den Gebäudesicherungspflichten nicht nachkam. Es gibt unterdessen Interesse eines Chemnitzer Investors am Kauf des Objekts, jedoch sei der aufgerufene Kaufpreis mit um die 50 Millionen Euro zu hoch.
Falstaf konnte bisher keine konkreten Nutzungskonzepte vorlegen. Zwar fabelte man über einen Edeka-Markt, Loft-Wohnungen oder ein Auto-Center, doch wurde davon nie irgendetwas umgesetzt. Aktuell hegt die Stadtverwaltung neue Pläne für die Umgestaltung der Zwickauer Straße und somit auch der Wanderer-Werke, die jedoch noch weiterer Prüfung bedürfen und noch nicht entschieden sind. So möchte man in den alten Mauern Gewerbeateliers, Wohnlofts, Ausstellungen und Events unterbringen. Selbst bei einem grünen Licht für das Projekt ist nicht mit einem Baustart vor 2025 zu rechnen.
Der Zustand des Conti-Baus ist zwar zunehmend bedenklich, jedoch für den jahrelangen Leerstand immer noch überraschend gut. Man findet wenig Graffitis und auch die Feuchtigkeitsschäden sind noch verhältnismäßig gering. Insbesondere, wenn man es mit dem benachbarten Volkshaus vergleicht. Im gegenüberliegenden Addiermaschinenwerk ist zudem noch ein Lager einer Dachdeckerfirma untergebracht. Lediglich das Fabrikgelände hinter dem Conti-Bau ist stark beschädigt und über die Jahre teilweise zusammengefallen.
Galerie
Quellen
Altes Chemnitz
Blick
Freie Presse #1/#2
Industrie.Kultur.Ost
Industriemuseum Chemnitz #1/#2
Ronald Wanderer Professur
Sächsische Schreibmaschinen
Tag24 #1/#2/#3/#4/#5/#6/#7





